Schweizerische Gesellschaft für Allgemeinmedizin
Société Suisse de Médecine Génerérale
Società Svizzera di Medicina Generale
Qualitätszirkel
Ein Artikel von Ferdinand M. Gerlach,
Ottmahr Bahrs, Joachim Szecsenyi
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Hausärztliche Qualitäts-Zirkel
Im hausärztliche Qualitäts-Zirkel, weitgehend
synonym (je nach Land und Regionund) mit Peer
Review Groups, Audit Cycles, Cercle de Perfection,
Qualitäts-Zirkeln oder Qualitäts-Kränzli wird versucht, den Qualitäts-Zyklus als
Fortbildungsmöglichkeit zu durchgehen. Dieser Prozess ist eine
Gruppenarbeit im Expertenkreis, die von Moderatoren unterstützt
wird und
Die SGAM hat begonnen,
unter Mitwirkung ihrer EQuiP-Vertreter
Niklaus Egli und Beat Künzi, ein Moderatorentraining
für Qualitätszirkel anzubieten und
unter der Mitwirkung von Michael
Peltenburg die Bildung von Videokränzli
(in Deutschland Videoseminare) in Anlehnung an Behavioral
Sciences Groups der McMaster Universität, anzuregen.
Ferdinand M. Gerlach, Ottmahr Bahrs, Joachim
Szecsenyi
Für die teilnehmenden Allgemeinärzte besteht nach unserer
Beobachtung die Möglichkeit einer weitergehenden
Professionalisierung hausärztlicher Tätigkeit und Aufwertung
des eigenen Selbstverständnisses. Insbesondere die Ausbildung
einer gemeinsamen Identität als eigenständiger Fachdisziplin
beziehungsweise Berufsgruppe sowie die Chance zur fachbezogenen
Solidarisierung allgemeinärztlich tätiger Kolleginnen und
Kollegen eröffnet neue Perspektiven gemeinsamer Arbeit im
Qualitätszirkel.
Was ist ein Qualitätszirkel?
Handelt es sich hier möglicherweise nur um eine
vorübergehende modische Erscheinung oder gar um «alten Wein in
neuen Schläuchen»?
modifiziert nach KBV 1993 und Bahrs, Gerlach und Szecsenyi
1994
Ärztliche Qualitätszirkel arbeiten:
- auf freiwilliger Basis
- mit selbstgewählten Themen
- erfahrungsbezogen
- auf der Grundlage des kollegialen Diskurses («peer
review»)
- themenzentriert
- systematisch
- zielbezogen
- mit Evaluation ihrer Ergebnisse
- kontinuierlich
- mit Ärzten gleicher oder unterschiedlicher
Fachrichtungen
- mit festem Teilnehmerkreis
- von Moderatoren unterstützt
Einige Kriterien klingen zunächst relativ allgemein und
unspezifisch. Sie bedürfen daher der Erläuterung.
Im Qualitätszirkel findet sich eine Gruppe gleichrangiger
Ärzte (sogenannte «peer group») zusammen. Offenheit und
Bereitschaft zu Kritik und Selbstkritik sind nur auf freiwilliger
Basis möglich. Jeder Arzt gilt im Qualitätszirkel, über
vorhandene Unterschiede hinweg, als «Experte seiner eigenen
Praxis». Experten anderer Disziplinen oder Spezialisten aus
Kliniken beziehungsweise anderen Institutionen können von den
Teilnehmern eines Qualitätszirkels themenbezogen oder
kontinuierlich hinzugezogen werden.
In prinzipiell gleichberechtigter Expertendiskussion arbeiten
die Teilnehmer eines Qualitätszirkels unausgesprochene
(implizite), aber dennoch handlungsrelevante Regeln
beziehungsweise Routinen ihres Alltagshandelns heraus. Diese
Explizierung kann in die Formulierung praxisadäquater Leitlinien
für die tägliche Praxis münden und erlaubt dann auch eine
eigenständige Überprüfung der Angemessenheit des eigenen
Handels durch die teilnehmenden Kolleginnen und Kollegen («peer
review»). Dies bedeutet also nicht Qualitäts«kontrolle» von
«aussen» oder «oben» («top down»), sondern eigenständige
Qualitäts«entwicklung» respektive «-förderung» von
«innen» oder «unten» («bottom up»). Die Konfrontation von
Fremd- und Selbstbeurteilung sowie das Beispiel der Kollegen
erlauben, das eigene Handeln kritisch zu hinterfragen, zu
bestätigen oder auch auf blinde Flecken aufmerksam zu machen.
Erfahrungsbezug bedeutet, dass die Zirkelteilnehmer sich auf
der Basis ihrer konkreten Praxiserfahrungen einbringen, indem sie
ihr Alltagshandeln dokumentieren und im Qualitätszirkel,
beispielsweise im Rahmen von Fallvorstellungen, zur Diskussion
stellen. Sowohl der Rückgriff auf bereits vorhandene
Informationen (zum Beispiel Karteikarten, Gutachten,
Kassenabrechnungsdaten, Rezepte) als auch die gezielte Erstellung
im Hinblick auf die Diskussion im Qualitätszirkel (etwa durch
Strichlisten für einfache Häufigkeitszählungen, Tonband- oder
Videoaufzeichnungen) sind möglich.
Unabhängig von der Form der Dokumentation kann somit eine
Aufbereitung der gewonnenen Informationen erfolgen, die eine
systematische, thematisch und zeitlich begrenzte Diskussion im
Zirkel erlaubt. Diese und andere Aufgaben werden in der Regel von
den Moderatoren übernommen. Moderatoren organisieren den
Gruppenprozess und schaffen die Voraussetzungen für eine
konkrete Diskussion. Aufgabe des Moderators ist es, die
Einhaltung der Gruppenregeln zu kontrollieren und damit eine
kontinuierliche Arbeit zu ermöglichen.
Fruchtbare Gruppenarbeit erfordert zeitliche, inhaltliche und
personale Kontinuität. Dies trifft in gleicher Weise auch für
den ärztlichen Qualitätszirkel zu. Ein offener
Erfahrungsaustausch kann sich nur in einer Atmosphäre von
Verlässlichkeit und Gegenseitigkeit entfalten. Eine
Gruppengrösse von insgesamt 8 bis 15 regelmässigen Teilnehmern,
das heisst in der Regel etwa fünf bis zwölf jeweils anwesenden
Kolleginnen und Kollegen, hat sich bewährt. Da sich
Handlungsroutinen nicht ad hoc ändern lassen, ist eine
regelmässige Teilnahme, zum Beispiel einmal im Monat für zwei
bis drei Stunden, für den Lernprozess jedes einzelnen
unabdingbar.
Es ist ratsam, sich thematisch und zeitlich definierte
«Etappenziele» zu setzen, die in einem für alle
überschaubaren Zeitrahmen erreichbar sind. Gruppendynamische
Gründe sprechen ebenfalls dafür, sich mittels Themenzentrierung
vorab ein inhaltliches Ziel zu setzen sowie einen Zeitpunkt für
dessen voraussichtliche Erreichung zu vereinbaren. Entscheidend
ist, dass sich die Gruppe auf ein gemeinsames selbstgewähltes
Thema einigen kann.
Erst die Verfolgung des spezifischen gemeinsamen Ziels macht
als konstituierendes Merkmal einen Qualitätszirkel aus. Vorgehen
und Ziele können sich dabei durchaus unterscheiden: Fortbildung,
Supervision und/oder Forschungsaspekte können mehr oder weniger
im Vordergrund stehen. Eine klare Aufgabenstellung und zeitliche
Perspektive sind jedoch in jedem Fall erforderlich, um die
Motivation aufrechtzuerhalten.
Qualitätszirkel arbeiten systematisch und regelgeleitet.
Gruppenbildung, Zielsetzung und Themenwahl folgen definierten
Kriterien, und der jeweiligen Zirkeldiskussion liegen auf
objektivierbare Weise gewonnene Daten zugrunde. Die Diskussion
wird durch den Moderator initiiert und bis zu einem gewissen Grad
strukturiert sowie in einem (kurzen) Protokoll festgehalten.
Obwohl grundsätzlich wünschenswert, können eine zeitintensive
Begleitforschung und Evaluation die Kapazitäten des
Qualitätszirkels und seines Moderators übersteigen. Mit
Einverständnis der Teilnehmer können diese Aufgaben an
kooperierende wissenschaftliche Institutionen delegiert werden.
Sind Qualitätszirkel nur alter Wein in neuen Schläuchen?
Inwieweit sind Qualitätszirkel eine neue Erscheinung? Wo sind
ihre Wurzeln und was unterscheidet sie von bekannten Formen
ärztlicher Zusammenarbeit und Fortbildung? Eine Übersicht in
Tabelle 2 lässt einige diesbezügliche Unterschiede erkennen.
Abgrenzung von
Qualitätszirkeln zu anderen kollegialen Arbeitsgruppen (nach
Bahrs, Gerlach und Szecsenyi 1994)
Qualitätszirkel
unterscheiden sich von |
durch |
| traditioneller Fortbildung |
- eigene Expertenschaft
- Themenzentrierung
- Fallrekonstruktion
- Kontinuität
|
| Balint-Gruppe |
- Objektivierbarkeit
- Behandlungsdokumente
- Themenwahl
|
| Ärzte-Stammtisch |
- Systematik
- Befristung
- Zielbezug
|
| akademischer Wissenschaft |
- interkollegialen Rahmen
- Praxisbezug
|
| Selbsthilfegruppe |
- Systematik
- Zielbezug
- Gruppenzusammensetzung
- Befristung
|
Auch Qualitätszirkel haben Wurzeln und sind keine völligen
Neuschöpfungen. So gibt es Elemente hausärztlicher
Qualitätszirkel, die an akademische Wissenschaft, traditionelle
Fortbildungsveranstaltungen, Balint-Gruppen, Ärzte-Stammtische
oder auch Selbsthilfegruppen erinnern. Es gibt Traditionslinien
zu anderen kollegialen Arbeitsformen, und doch stellen
Qualitätszirkel insgesamt eine eigenständige Arbeitsform dar.
Alle genannten Formen ärztlicher Zusammenarbeit haben ihre
eigenständige Bedeutung. Qualitätszirkel sollten dabei nicht
als Konkurrenz-, sondern als freiwilliges Ergänzungsangebot
verstanden werden.
Im benachbarten europäischen Ausland, insbesondere in
Belgien, den Niederlanden, Grossbritannien und einigen
skandinavischen Ländern, haben vor allem Allgemeinärztinnen und
Allgemeinärzte schon zum Teil mehr als zehnjährige Erfahrungen
in der Qualitätszirkelarbeit sammeln können. Die Arbeit von
Qualitätszirkeln war durchweg ausserordentlich erfolgreich, und
die Etablierung dieser neuen Erscheinungsform ärztlicher
Zusammenarbeit schreitet in vielen europäischen Ländern immer
weiter voran.
Bedeutung für den Einzelnen, die Berufsgruppe und die
ambulante Versorgung
Inwieweit könnte es sich lohnen, gemeinsam mit Kolleginnen
und Kollegen an einem Qualitätszirkel teilzunehmen, und welche
Bedeutung kann diese Form ärztlicher Zusammenarbeit für den
Einzelnen, die hausärztliche Berufsgruppe beziehungsweise die
ambulante Versorgung insgesamt haben? Einige Gesichtspunkte dazu
sind in Tabelle 3 zusammengefasst.
Ärztinnen und Ärzte, die bereits an Qualitätszirkeln
teilnehmen, berichten insbesondere über eine emotionale und
fachliche Entlastung der Alltagsarbeit in der Praxis durch die
Teilnahme am Qualitätszirkel, die oft jahrelang vermisst wurde.
Die Selbstreflexion eigenen Handelns, die Konfrontation von
Selbst- und Fremdwahrnehmung, der offene Austausch mit
Kolleginnen und Kollegen sowie die Entwicklung von
praxisadäquaten Leitlinien im Qualitätszirkel können zusammen
zu einer Verbesserung der Patientenversorgung und der eigenen
Arbeitszufriedenheit führen. Es gibt inzwischen eine Reihe von
Untersuchungen, die zeigen, dass qualitative Verbesserungen der
Patientenversorgung erwartet werden können.
Natürlich gibt es neben den geschilderten Vorteilen und
Möglichkeiten, die mit einer Mitwirkung an ärztlichen
Qualitätszirkeln verbunden sind, auch denkbare Vorbehalte und in
Kauf zu nehmende Nachteile (zum Beispiel Zeitaufwand, Kosten,
Kritik durch Kollegen, Verunsicherung, umstrittene
Handlungsleitlinien etc.).
| hin zu |
statt |
- Selbstbestimmter Qualitätsförderung mit
Reflexion der Alltagspraxis von unten («bottom
up»)
|
- bürokratischer Qualitätskontrolle am «grünen
Tisch» von oben («top down»)
|
- fachlicher und emotionaler Entlastung durch
interkollegiale Supervision in offener
Atmosphäre
|
- ärztlicher Tätigkeit ohne Entlastung und
externe Unterstützung
|
- Spass und Freude am Beruf durch interkollegiales
und interaktives Lernen am eigenen Handeln
|
- inneren Widerstands gegen klassische,
theorielastige Fortbildungsformen mit
Expertendominanz
|
- kontinuierlichem interkollegialem Austausch
|
- sporadischer Nutzung von Fortbildungsangeboten
und Isolation in der eigenen Praxis
|
- Hilfestellung aus der Praxis für die Praxis
|
- Fortbildung aus der Krankenhausperspektive
|
- Berücksichtigung der Mehrdimensionalität von
Krankheit und der Subjektivität von Arzt und
Patient
|
- Ausrichtung an einem monokausal angelegten
Krankheitskonzept
|
- Verbesserung der Versorgung durch Reflexion der
Alltagspraxis
|
- icht mehr hinterfragter Handlungsroutinen
|
Statt Regulierung des Praxisalltags «von oben» Definition
der Qualität ärztlichen Handelns aus der Praxis heraus:
Im neuen KVG werden die Ärzteschaft beziehungsweise jeder
einzelne Arzt zwar zur Durchführung von Massnahmen zur
Qualitätssicherung verpflichtet. Es ist zu erwarten, dass
Qualitätssicherung ein Thema ist, dem sich auf Dauer niemand
entziehen kann. Es kommt jetzt jedoch darauf an, «wer» in
Zukunft festlegt, «was» unter der Qualität ärztlicher
Tätigkeit verstanden wird und «ob» beziehungsweise «wann»
und «wie» entsprechende Nachweise erbracht werden müssen.
Ärztliche Qualitätszirkel bieten die einmalige, möglicherweise
letzte Chance, auf freiwilliger Basis, innerärztlich und aus der
Praxis heraus («bottom up») diese Fragen zu beantworten.
Solange niedergelassene Ärztinnen und Ärzte diese Aufgaben
nicht selbst anpacken und aus der Sicht ihrer alltäglichen
Praxisprobleme heraus lösen, muss damit gerechnet werden, dass
Kostenträger oder der Gesetzgeber Standards vorgeben und diese
im Rahmen bürokratischer Kontrollen einklagen («top down»).
Viele Ärztinnen und Ärzte haben bereits die Initiative
ergriffen und sich in ärztlichen Qualitätszirkeln
zusammengefunden. Die bisherigen Erfahrungen sind ermutigend und
sprechen dafür, dass sich auf diese Weise sowohl die Lebens- und
Arbeitsqualität der teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte als auch
die Versorgungsqualität ihrer Patienten verbessern lässt.
Ferdinand M. Gerlach
Ottmahr Bahrs
Joachim Szecsenyi
Literatur bei den Verfassern.
Anschrift für die Autoren: Dr. med. Ferdinand M. Gerlach,
MSP, MHH, Abteilung Allgemeinmedizin, D-30623 Hannover.
Der Artikel erschien zuerst in «Der Praktische Arzt». Die
Übernahme erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
letzte Bearbeitung: Tuesday, 21. September 1999
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